Mit Blaulicht und Vollgas zu den Kleinsten
Karlsruhes Kindernotarztwagen rollt dank Spenden und Ehrenamt
Blaulicht an, Blitzstart und volle Konzentration: Enthält ein Alarmruf das Stichwort „Kind“, schwingt sich der Karlsruher Klinikarzt Matthias Kuch selbst ans Steuer eines ganz speziellen Notarztwagens. Ein Neugeborenen-Rucksack, eine Vakuum-Matratze für Kleinkinder, komplette Behandlungssets für Verbrennungen und Vergiftungen sind schon an Bord. Mit etwas Glück springt auch der Kinderpfleger Lars Erkert oder eine Kinderschwester aus der Kinderklinik an der Kussmaulstraße auf den Beifahrersitz.
Am Ziel warten Eltern in höchster Anspannung. Bei rund 1.100 Einsätzen, die das ehrenamtlich tätige Team des Karlsruher Kindernotarztwagens absolviert, sind viele Notfallpatienten keine drei Jahre alt. Der gefürchtete Wespenstich im Hals ist durchaus typisch. Wegen lebensgefährlicher Atemwegsprobleme rasen die Helfer mit Händchen und Ausstattung für die Kleinsten durchschnittlich 190-mal pro Jahr durch die Stadt und auch in den Landkreis.
Außer Plastikteilen kennt Kindernotarzt Kuch auch Nüsse und Sonnenblumenkerne zur Genüge, weil immer wieder kleine Kinder daran zu ersticken drohen. „Müsli ist ja gesund, aber für Kinder unter dreieinhalb Jahren sind Nüsse und Kerne wirklich gefährlich“, warnt er. Auch Münzen und kleine Batterien fischen die Kindernotärzte regelmäßig aus kleinen Hälsen. Einmal musste das Team aber auch eine 15-Jährige retten. Eine Styroporkugel aus einer Wasserbombe hatte sich in einem Bronchienast festgesetzt und einen Lungenflügel abgedichtet. Ein Trost: „Meistens erholt sich so ein junger Körper schnell und vollständig.“
Am häufigsten, nämlich rund 660-mal pro Jahr, werden Karlsruhes Kindernotärzte alarmiert, weil sich ein Kind entweder schlimm verletzt oder verbrüht hat oder wegen gravierender neurologischer Probleme. Das sind zum Beispiel schwere Krampfanfälle, Bewusstlosigkeit, auch der gefürchtete Plötzliche Kindstod. Dahinter steckt eine Fehlsteuerung im noch unausgereiften Gehirn, die erst zu Atemstillstand und dann zum Herzstillstand führen kann.
Selten geworden ist Ertrinken. „Das hat sich total gewandelt“, berichtet Kuch, der Initiator des Kindernotarztwagens. „2003 und 2004 kam das noch zehnmal pro Jahr vor, jetzt haben wir das vielleicht noch einmal im Jahr“, sagt er. Vorbeugung, Aufklärung, Erziehung: Das sieht er als Ursache für die positive Entwicklung – übrigens auch bei Unfällen auf dem Schulweg. „Eltern üben mit ihren Kindern, es gibt Begehungen mit der Polizei, und die leuchtfarbene Kleidung schützt“, fasst der Kindernotarzt die wichtigen Aspekte zusammen. Außerdem beobachtet er, dass stark verbesserte Sicherheitsvorkehrungen der Autobauer für die Insassen wirken. „Früher wurden Kinder bei Autounfällen viel schlimmer verletzt.“
Mit Vollgas rücken die professionellen Retter aber auch überraschend aus, weil ein Kind völlig unvorhergesehen ans Licht der Welt drängt, erzählt Matthias Kuch. „Wir sind auch schon zu einer Entbindung auf einen Spargelacker gekommen.“ Dabei betont er: „Wir können und wollen nicht jeden kindlichen Notfall versorgen.“ Seine Kollegen und er sind nur die superschnelle Eingreiftruppe, wenn es der Ernst der Lage gebietet. Sonst ist die Kinderklinik die richtige Anlaufstelle.
Der Kindernotarzt zeigt in seiner Handfläche zwei Kanülen: eine orangefarbene Nadel in Normalstärke und eine violette Miniatur für Kleinkinder. Auch der Tubus, der trotz Schwellung im Hals nach dem Wespenstich die Atmung garantiert, ist für zarte kleine Gurgeln ausgelegt. Doch das spezielle medizinische Equipment für Kindernotfälle und das leistungsstarke Fahrzeug für den schnellen Notfalleinsatz sind teuer. Denn bei einer Stadt von Karlsruhes Größe gehört ein Kindernotarztwagen samt speziell abgestimmter Ausstattung trotz großen Einzugsgebiets nicht zum gesetzlichen Standard.
Bei Rettungseinsätzen sind Kindernotfälle bei vielen Notärzten und beim Rettungspersonal gefürchtet. Das liegt an der grundsätzlich niedrigen Zahl der Einsätze, wodurch Routine fehlt, aber auch an der teils extrem hohen emotionalen Belastung. In Karlsruhe ist die Situation günstiger. Seit November 2003 stellen und bestücken der Kreisverband Karlsruhe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und das Städtische Klinikum Karlsruhe den Kindernotarztwagen gemeinsam. Und die vier, vielleicht bald fünf Karlsruher Kindernotärzte bringen große Erfahrung mit, sowohl mit Notfällen als auch aus dem Klinikalltag mit jungen und allerjüngsten Patienten.
Ohne die ehrenamtliche Arbeit der Kindernotärzte und Pflegefachkräfte der Kindernotaufnahme wäre all das nicht möglich. Jährlich fallen aber auch etwa 22.500 Euro für das notfallmedizinische Zusatzprojekt an. Rund 13.000 Euro kosten Benzin, Inspektion, Reparaturen und medizinisches Verbrauchsmaterial, dazu kommen für die Abschreibung des Autos und medizinisch-technischer Geräte weitere 9.500 Euro.
An diesem Punkt kommen in diesem Sommer Andreas Raupp und die Bikerfreunde ins Spiel, wie viele andere Förderer und Spender jahrein, jahraus. „Wir Biker können nicht nur laut sein, wir können auch Gutes tun“, betont Raupp lächelnd, als er gemeinsam mit Michael „Jäckybär“ Zoller, einem knappen Dutzend Motorradfahrern aus Karlsruhe und der Region sowie einem 1.130 Euro-Scheck vor der Notaufnahme der Kinderklinik auffährt.
Eltern, die für einen schnellen Rettungseinsatz dankbar sind, spenden für den besonderen Flitzer, Kindertagesstätten oder Familien anlässlich einer Konfirmation, aber auch Wandergruppen oder andere Clubs. Seitens der Bikerfreunde hat diesmal Raupp, der hauptberuflich im Rettungsdienst arbeitet, die Idee für die Sammelspende beigesteuert. Und er hat eine Schwäche für Igel Erwin, ein Plüschtier aus der Produktion eines heimischen Herstellers.
Igel Erwin, den kuschelweichen Tröster, bringt jeder der Karlsruher Kindernotärzte immer mit zum Notfalleinsatz. Das Maskottchen des DRK ist aber nicht nur zur Stelle, wenn Kindertränen fließen. Es wird in der DRK-Geschäftsstelle Karlsruhe in der Ettlinger Straße 13 auch zugunsten des Projekts Kindernotarztwagen verkauft.
„Langsam fahren, Buben“, ruft Raupp seinen Motorradfreunden zum Abschied zu. Auch Notarzt Kuch verabschiedet sich mit einem so freundlich wie nachdrücklich gemeinten Appell von den starken Jungs in Ledermontur, die als Delegation der Bikerfreunde Karlsruhe mit inzwischen rund 260 Mitgliedern zum Klinikum gekommen sind: „Ich will euch nicht irgendwo zusammenlesen.“
Artikel: BNN | Kirsten Etzold